Südtirol

Südtirol (italienisch Alto Adige oder Sudtirolo, ladinisch Südtirol) ist die nördlichste Provinz Italiens und bildet zusammen mit der Provinz Trient die autonome Region Trentino-Südtirol. Seit Inkrafttreten des Südtirol-Pakets im Jahr 1972 genießt Südtirol umfassende Selbstverwaltungsrechte und wird seiner autonomen Ausrichtung zufolge als autonome Provinz bzw. als Land bezeichnet. Die Landeshauptstadt Südtirols ist Bozen.


Südtirol zählt zu jenen Gebieten Italiens, in denen eine starke Regionalkultur vorherrscht. In Südtirol ist sie auf die bairische und ladinische Besiedlung sowie auf die historisch gewachsenen Bindungen an den deutschen und österreichischen Kulturraum zurückzuführen (siehe Österreichische Identitätsbildung). Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den anderen Teilen des ehemaligen Kronlandes Tirol steht seit Gründung der Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino am Beginn einer institutionellen Verflechtung.


Hinsichtlich der sprachlich-kulturellen Differenzierung setzt sich die Bevölkerung gegenwärtig zu über 60 % aus deutschsprachigen und zu gut 20 % aus italienischsprachigen Südtirolern zusammen. Rund 4 % der Bevölkerung, hauptsächlich im Dolomitengebiet, gehören zur ladinischen Sprachgruppe.

Jüngere Geschichte

Abtrennung von Österreich

Am 30. Oktober 1918 konstituierte sich der neue Staat Deutschösterreich und betrachtete Deutsch-Südtirol als Bestandteil seines Staatsgebiets. Am 3. November 1918 schloss die kaiserlich-österreichische Armee (Ungarn betrachtete sich seit dem Ende der Realunion am 31. Oktober 1918 als nicht mehr betroffen und verhandelte seinen Waffenstillstand mit Italien in der Folge separat) mit dem Königreich Italien den Waffenstillstand von Villa Giusti. Südtirol wurde daraufhin rasch von italienischen Truppen besetzt.


Deutschösterreich nahm am 12. November 1918 die Ausrufung der Republik vor. Es hatte als Teil der Verliererseite des Krieges kaum Einfluss auf den Vertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919 (der demzufolge damals als Diktat von Saint-Germain bezeichnet wurde), aber zum Vertragsabschluss keine gangbare Alternative. Der Vertrag legte die Staatsgrenzen der Republik völkerrechtlich fest. Südtirol wurde, dem Geheimabkommen Englands, Frankreichs und Russlands mit Italien von 1915 entsprechend, Italien zugesprochen (Artikel 27, 36). Das österreichische Parlament ratifizierte den Vertrag am 21. Oktober 1919; völkerrechtlich trat er am 16. Juli 1920 in Kraft. Daraufhin erfolgte am 10. Oktober 1920 auch formal die Annexion Südtirols durch Italien.

Italianisierung

1922, mit der Machtergreifung der Faschisten in Italien begann in Südtirol eine gewaltsame Assimilierungspolitik, die eine vollständige Ausmerzung des altösterreichischen Charakters der Region zum Ziel hatte. Im Rahmen eines umfassenden Italianisierungsprogramms wurde unter anderem der Gebrauch der deutschen Sprache im Schulunterricht sowie in allen öffentlichen Einrichtungen verboten; ebenso wurden Vor- und Familiennamen der ortsansässigen Bevölkerung behördlich ins Italienische übersetzt. Eliten aus dem Umfeld der katholischen Geistlichkeit sowie des konservativ-deutschnationalen Deutschen Verbands leisteten dieser "Entnationalisierungspolitik" über die Unterhaltung illegaler Katakombenschulen Widerstand. Ab Beginn der 1930er-Jahre organisierten sich Südtiroler aber auch im nationalsozialistischen Völkischen Kampfring Südtirols (VKS).

Umsiedlungspolitik

Im Mai 1939 schlossen Benito Mussolini und Adolf Hitler den Stahlpakt, und legten darin u. a. fest, "die gemeinsame, für alle Zeiten festgelegte Grenze zwischen Deutschland und Italien" anzuerkennen, also auch jene zwischen Tirol und Südtirol. Zur Lösung der Südtirolfrage wurde auf Linie der nationalsozialistischen Heim ins Reich-Doktrin im Oktober desselben Jahres schließlich ein Umsiedlungsabkommen geschlossen (sogenannte Option), in der die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung vor die Wahl gestellt wurde, in das Deutsche Reich abzuwandern, oder ohne ethnischen Minderheitenschutz in ihrer Heimat zu bleiben. Der Völkische Kampfring Südtirols unterstützte dieses Abkommen nach anfänglicher Kritik, während sich eine kleine Gruppe um den Andreas-Hofer-Bund der Umsiedlung widersetzte. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden so zehntausende Südtiroler (rund 86 % hatten sich für die Abwanderung entschieden) in das Deutsche Reich umgesiedelt.

Nationalsozialismus

Mit dem Sturz Mussolinis und dem deutschen Einmarsch in Norditalien endete die Umsiedlung 1943 vorzeitig; Südtirol geriet nun als Operationszone Alpenvorland bis Kriegsende 1945 direkt unter nationalsozialistische Herrschaft (siehe auch Durchgangslager Bozen). Mit Einmarsch der US-Streitkräfte im Frühjahr 1945 übernahm die italienische antifaschistische Widerstandsbewegung Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) die provisorische Verwaltung Südtirols; gleichzeitig wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) als Sammelpartei der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler gegründet.

Nachkriegszeit und Südtirolautonomie

Am Rande der Pariser Friedenskonferenz 1946 wurde zwischen der österreichischen Bundesregierung Figl I und der Republik Italien die Grundlage für ein Autonomiestatut für Südtirol und die deutschsprachigen Gemeinden des angrenzenden Trentino ausgehandelt (Gruber-De-Gasperi-Abkommen). Die italienische Regierung fasste die beiden Provinzen 1948 jedoch zu einer Region zusammen, wodurch die politischen Vertreter der deutschsprachigen Südtiroler gegenüber den italienischen Parteien in eine Minderheitenposition gebracht wurden. Auch andere Bestimmungen des Vertrages blieben im Verlauf der 1950er-Jahre zum Großteil unerfüllt. Die italienische Wirtschaftspolitik förderte gleichzeitig die Arbeitsmigration aus den italienischen Nachbarregionen nach Südtirol, gegen die sich unter der alteingesessenen Bevölkerung Widerstände aufbauten.

Bombenattentate

Das Klima politischer und ökonomischer Marginalisierung bestärkte einige separatistisch gesinnte Südtiroler (Befreiungsausschuss Südtirol, BAS) ab Mitte der 1950er-Jahre in ihrem Vorhaben, durch Bombenattentate eine Loslösung Südtirols von Italien zu erzwingen. Nach Inhaftierung der Führungsriege des BAS infolge der Feuernacht im Jahr 1961 wurden bis in die späten 1980er-Jahre zunehmend gewalttätigere Anschläge von Folgegruppierungen verübt, die mit neonazistischen Kreisen aus dem deutschsprachigen Ausland in Verbindung standen. Gleichzeitig hatten die italienischen Behörden über Folterungen von BAS-Häftlingen und gewalttätige Provokationen aus Geheimdienstkreisen (SIFAR, Gladio) gezielt eine Strategie der Spannung verfolgt, um die Verhandlungsposition der deutschsprachigen Südtiroler auf diplomatischer Ebene zu schwächen.

Diplomatische Lösung

Bereits vor den Ereignissen der Feuernacht wurde die Südtirolfrage im Jahr 1960 mit der Bekanntgabe des Streitfalls zwischen Österreich und Italien durch den damaligen österreichischen Außenminister Bruno Kreisky vor der UNO-Generalversammlung „internationalisiert“, d. h. zum Gegenstand der Aufmerksamkeit über Österreich und Italien hinaus gemacht. Die italienische Regierung wurde dadurch zu einer Lösung des politischen Konflikts mit der ethnischen Minderheit der Südtiroler motiviert. Nach Einsetzung der parlamentarischen Neunzehnerkommission im Jahr 1961 erzielten die Außenminister Giuseppe Saragat (Italien) und Bruno Kreisky (Österreich) 1964 eine erste grundsätzliche Einigung hinsichtlich der Verwirklichung des Maßnahmenpakets, das die Kommission vorgelegt hatte. Nach weiteren Nachverhandlungen wurden 1969 schließlich der so genannten „Operationskalender“ zur Verwirklichung des „Südtirol-Pakets“ von der Südtiroler Volkspartei und dem österreichischen Nationalrat gutgeheißen und 1971 vom italienischen Parlament verabschiedet. 1972 trat somit das Zweite Autonomiestatut als Verfassungsgesetz in Kraft. 1992 gab die italienische Regierung der österreichischen bekannt, Paket und Operationskalender seien nun komplett realisiert. Österreich richtete daraufhin nach Zustimmung der Südtiroler und Tiroler Politiker eine „Streitbeilegungserklärung“ an Italien und an die Vereinten Nationen.


Seitdem besitzt Südtirol eine weitgehende Autonomie (teils auch in Budgetangelegenheiten) und konnte sich zu einer wohlhabenden Region in Europa und einer der wohlhabendsten Italiens entwickeln. Der europäische Integrationsprozess mit dem Schengener Abkommen, die Einführung der Gemeinschaftswährung Euro und die Bildung der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino ermöglicht es seit den neunziger Jahren, verstärkt an die lange historische Zusammengehörigkeit von (Nord-)Tirol, Südtirol und Trentino anzuknüpfen.

Natur

Klima

Südtirol liegt an der „Südseite der Alpen“ und vereint die Vorzüge eines Berglandes (besonders im Winter) mit den Annehmlichkeiten eines vergleichsweise milden Klimas (in den Tallagen).

Berge und Täler

Langkofelgruppe in den Dolomiten
Langkofelgruppe in den Dolomiten

Die vier Haupttäler Südtirols sind das Etschtal, das Eisacktal, der Vinschgau und das Pustertal. Der Ortler ist mit 3905 m der höchste Berg Südtirols. Er war bis 1918 auch der höchste Berg Österreich-Ungarns. Der Rosengarten bildet mit seinem Nachbarn, dem Schlern, ein bekanntes Landschaftsbild Südtirols. Die Drei Zinnen sind die bekannteste Bergruppe des Osten Südtirols und befinden sich im Gebiet der Dolomiten. Weitere Berge sind in der entsprechenden Kategorie verzeichnet.

Flüsse und Seen

Pragser Wildsee
Pragser Wildsee

Die größten Flüsse Südtirols fließen durch die vier größten Talschaften der Provinz; es sind die Etsch, der Eisack und die Rienz. Größere Flüsse der Nebentäler sind die Passer, die Talfer und die Ahr.

Auf dem Gebiet der Provinz Bozen befindet sich auch eine Reihe namhafter, großteils touristisch erschlossener Seen. Zu ihnen gehören: Der Reschensee (Graun, Vinschgau, 1520 m ü. NN), der Kalterer See (Kaltern), der Haidersee (Graun, Vinschgau), der Karersee (Alpsee im Eggental bei Welschnofen, 1520 m über Normalnull), der Pragser Wildsee (Pragser Dolomiten, 1494 m ü. NN, Wasseroberfläche 31 ha), der Vernagt-Stausee (Schnalstal, 1689 m ü. NN), der Große und Kleine Montiggler See (Überetsch), der Mühlwalder See, der Antholzer See und der Toblacher See (Pustertal, südlich von Toblach).

Fauna

Bis 1995 wurden in Südtirol rund 14.700 heimische, und 875 fossile Tierarten nachgewiesen. Davon gehören mehr als die Hälfte, nämlich 7.585 zu den zwei Ordnungen Käfer und Schmetterlinge und nur 494 Arten entfallen auf Wirbeltiere. Eine effektiv Schätzung besagt, dass auf dem Gebiet Südtirols mindestens 32.000 Tierarten heimisch sind. Davon sind 41% bereits gefährdete Tierarten, 71 Tierarten bzw. -gruppen sind geschützt.

Das älteste gefundene Fossil aus Südtirol stammt von Würmern, welche vor 290 Mio. Jahren lebten. Megalodonten-Muscheln aus dem Hauptdolomit wurden auf 215 Mio. Jahre datiert.


Quelle